Ein paar Gedanken….

„Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“

Mit diesen Worten beginnt das berühmte Gedicht Bertolt Brechts mit dem Titel „An die Nachgeborenen“, welches während der Zeit des Zweiten Weltkriegs im Exil entstand. Den Assoziationen, die der Klang dieser bekannte Zeile beim Leser weckt, bedient sich nun – ich unterstelle dabei eine gewisse Absicht – die junge Autorin Rebecca Martin in ihrem Artikel „Zukunft kommt später“. Dieser erschien in der Zeitung „Die Zeit“ und fand auch via Facebook ein entsprechendes Publikum. Doch sind seit Brecht einige Jahre vergangen und so heißt es bei ihr schließlich „dabei lebe ich in romantischen Zeiten“. Der Artikel beschreibt das Gefühl der jungen Generation, die teilweise „nostalgischen Erinnerungen“ nachhängt und sich ganz eigentlich – angewidert vom oberflächlichen Lebensstil – nach Ruhe, Wahrheit, Familie und Liebe sehnt. Die Autorin zieht ein Wochenende mit Freunden in Brandenburg, mit ausgedehnten Spaziergängen und Spaghetti Bolognese, einer weiteren Nacht in den Berliner Clubs vor. Man versteht sie. Während die jungen Jahre übersät waren mit wagemutigen Idealen und Träumen, welche nicht selten die Rettung der Menschheit beinhalteten, ist heute fast schon eine Renaissance der Biedermeierzeit erkennbar. Vielleicht ist dieser Wunsch nach Rückzug nur bedingt freiwillig; geschieht derweilen zwangsweise aus bloßer Überforderung. Die Freiheiten, die uns unsere schnelllebige Zeit und unser Leben frei von existenziellen Sorgen gibt, können viele nicht nutzen und gehen schließlich daran zugrunde. Wenn sich nach Jahren der Suche die „wahre ideale Sehnsucht“ (Kierkegaard) nicht stillen ließ, dann kommt es zu einem Gefühl der Ratlosigkeit.

Rilke sagt dazu: „Das ist Sehnsucht: wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der Zeit“. Er trifft damit die richtigen Töne. Wie auf einem Schiff fühlen wir uns von den Wellen (Wogen) hin und her bewegt; haben den Grund zum Ankern verloren, sehnen uns nach „Land in Sicht“. Ein leichter Wellengang kann das Herz erfreuen. Alles wird dadurch etwas spannender, als wenn die See glatt wie ein Spiegel vor einem liegt. Nach einer gewissen Weile aber schwinden die Kräfte, man möchte am liebsten kotzen und sehnt sich nach festem Grund; nach Ruhe. Man könnte es neudeutsch auch so formulieren: wir stehen da wie bestellt und nicht abgeholt. Man will ja gern die Welt verbessern, ist aber pausenlos damit überfordert.

Der Rückzug ins Private scheint der letzte sichere Hafen zu sein. Was spricht denn auch dagegen? Ein Abend auf dem Sofa, im Fernseher laufen Dinge, die die Welt weder schlechter noch besser machen, die Chips sind „fair trade“, alles ist gut. Oder nicht?

Auch Tolstoi hat viele Fragen an das Leben gestellt und seine Gedanken dazu niedergeschrieben. In seinem frühen Roman „Familienglück“ wird das Wesen einer jungen, attraktiven Frau beschrieben. Nach dem Tod der beiden Elternteile lebt sie mit ihrer Schwester und der Gouvernante auf dem Lande. Die Tage verstreichen, das Glück, welches sie früher so oft empfand, ist verschwunden. Doch dann taucht ihr Vormund, ein Freund des verstorbenen Vaters, auf und kann sie motivieren die Schönheit der Literatur, der Musik und der Natur wieder zu entdecken. Trotz des enormen Altersunterschiedes verlieben sich beide ineinander. Mascha, die Protagonistin, ist überwältigt von Sergejs Intelligenz und seiner aufrichtigen, unbeschwerten und offenen Art. Er wiederum hält Mascha „für das beste Mädchen auf der Welt“. Dieser Täuschung – so formuliert es Mascha – soll er auch weiterhin erliegen und so verwundert es nicht, dass sich ihre Gedankengänge wie folgt offenbaren: „Mein Seele hingegen kannte er nicht; da er sie liebte, da sie gerade zu jener Zeit wuchs und sich entfaltete, konnte ich ihn hier täuschen, und ich täuschte ihn“. Beide lebten füreinander und empfanden darin das größte Glück. Sie tat alles dafür, ihm zu gefallen. Bei seiner Abwesenheit fühlte sie sich allein, sie hat sich „freiwillig abhängig“ gemacht (Goethe). Und dann der Satz, der für mich die Wende des Buches darstellt: „Er ist genauso ein Mensch wie ich, mehr nicht“. Dieser Satz entzaubert Sergej und es gelingt Tolstoi ihn aus dem Himmel zurück auf die Erde zu holen. Er lässt ihn aus großen Höhen und mit aller Wucht vor die Füße seiner Frau fallen. Unterbewusst nutzt sie diese neugewonnene Macht und die Welten der Beiden beginnen sich bereits an dieser Stelle zu trennen.

„Ein beschauliches, zurückgezogenes Leben in unserer ländlichen Abgeschiedenheit, die Möglichkeit, Menschen Gutes zu tun, denen man so leicht Gutes tun kann, weil sie das nicht gewöhnt sind, und Arbeit, eine Arbeit, die Nutzen zu bringen scheint, dann Erholung, die Natur, ein Buch, Musik, die Liebe zu einem vertrauten Menschen, das ist mein Glück, mehr als das habe ich mir nicht erträumt“. Diese Worte spiegeln in aller Einfachheit die Lebensziele des erfahrenen Mannes wider, der das „Leben im Gewoge“ satt hat. Mascha bejaht diese Ideale, obwohl Sergej ihr deutlich macht, dass sie dies nur aus Unwissenheit und ihrer jugendlichen Naivität geschuldet, tue.

Der zweite Teil beginnt mit dem Wunsch Maschas nach dem „mehr“. Sie fühlt sich glücklich, doch es „quält sie“, dass es sie „keinerlei Anstrengungen“ kostete, „keinerlei Opfer“. Auf Drängen Maschas beschließen sie schließlich in die Stadt zu ziehen und dort lernt sie das Leben in der Stadt kennen und lieben. Sie ist begehrt und beliebt. Doch die Beziehung zu ihrem Mann bekommt tiefe Risse, beide werden sich fremd. Mascha suchte „töricht nach dem Sturm, als ob in Stürmen Ruhe wär`“. Die Zeit ist stürmisch, beide entfernen sich voneinander und sie erkennt schließlich den Trümmerhaufen, der vor ihr liegt. Schließlich legt Tolstoi Mascha folgenden Satz in den Mund: „Warum hat er die Macht nicht genutzt, die ihm die Liebe über mich gab?“ und in den nächsten Zeilen gipfelt das Verlangen nach Anleitung gar in den Worten „…warum hast du mir die Freiheit gelassen, mit der ich nicht umgehen konnte…“. Wut steckt in diesen Worten.

Doch Mascha ist nicht Anna Karenina und so entdeckt Mascha eine neue, liebevolle Seite ihres Mannes als Familienvater. „Jede Zeit hat ihre Liebe“.

 

Dieses frühe Werk Tolstois steckt voller sprachverliebter Sätze und regt zum Nachdenken an. Auf der einen Seite stehen verlockend und in schimmernden Farben leuchtend die Freiheiten, die das Leben in der Welt des russischen Adels zu bieten scheint und auf der anderen Seite die spießig wirkenden Sehnsüchte nach einem zurückgezogenem, einfachem Leben in familiärer Vertrautheit. In meinen Augen suggerieren die Vorzüge der russischen Adelswelt nur eine Freiheit. Ich sehe darin lediglich eine Ablenkung.

Wie ihr seht, liegt es mir nicht nahe euch eine Antwort auf die Fragen des Lebens auf dem Silbertablett zu servieren. Selbst wenn ich dies beabsichtigte, so könnte ich es nicht. Das Leben ist ja gerade dazu da diese Prozesse zu durchdenken und zu durchleben.

Nun soll auch die liebe Frau Engelmann mit ihrem Beitrag beim Bielefelder Poetry Slam nicht unerwähnt bleiben. Ich habe den Clip selbst bei Facebook gepostet und bereits im letzten Blog lobend erwähnt. Auch dieser Text thematisiert die Diskrepanz zwischen: gemütlich auf dem Sofa sitzen und sich wohlfühlen und dem endlich mal rausgehen, werden, der man sein könnte und somit die Welt zu retten. Und ja…wer möchte es nicht: Dinge erleben, von denen wir später gern berichten? Sie trifft damit zweifelsfrei den Nerv einer gelangweilten und nach dem Lebenssinn suchenden Generation. So ein bisschen „Sturm und Drang“ steckt ja schließlich in jedem von uns. Seinen Enkeln später zu erzählen wer denn nun eigentlich die Mutter von Teds Kindern ist, könnte für lange Gesichter sorgen. Auch der neuste Dschungelkönig wird die Probleme der Welt nicht lösen können und der FC Bayern wird sowieso wieder deutscher Meister.

Doch was sind spannende Geschichten. Wer legt das eigentlich fest, was spannend ist. Ist spannend immer gut? Und…wem wollen die ganzen „Junggebliebenen“ eigentlich ihre Geschichten später einmal erzählen?

Julia Engelmann bedient unsere Sehnsüchte. Wer hat diese Bilder nicht im Kopf: Berlin, ein lauer Sommerabend, man klettert auf das höchste Dach der Stadt, dazu ein kaltes Bier, paar gute Freunde und das Licht der untergehenden Sonnen schmeichelt dem sonst so tristem Hinterhof. Und ja – wir lassen uns begeistern für allerhand Leichtsinn, bewundern andere für ihre Kühnheit. Doch wie habe ich es letztens so passend gelesen..?! Ein von Friedensreich Hundertwasser entworfenes Klo zieht jährlich tausende Gäste an und lässt die Münder die Begeisterung darüber kundtun, doch daheim mag man es dann doch eher klassisch. So lässt sich konstatieren, dass durch ihren Beitrag das Rad nicht neu erfunden wurde oder gar, wie der Stern titelte, durch dieses Video das Leben verändert wird. Ihr ist es aber gelungen in ansprechender Weise zum Nachdenken anzuregen. Genau das ist ja auch der Zweck des geschriebenen Wortes und somit sei ihr der mediale Erfolg gegönnt.

Die letzten Wochen habe ich mich also damit befasst etwas aus diesen drei so verschiedenen Texten mitzunehmen. Auch wenn es auf dem ersten Blick nicht so klar erkennbar ist, so werfen sie doch alle ähnliche Fragen auf.

Ist es richtig, dass die junge Mascha diese Erfahrungen selbst machen musste, auch wenn sie durch das Wissen des erfahrenen Sergej vor mancherlei Enttäuschung hätte bewahrt werden können? Hätte ein Leben auf dem Land die Sehnsucht nach der Stadt eines Tages ersticken können oder hätte dieses kleine Feuer durch das „Verbot“ nicht noch mehr Sauerstoff bekommen und es schließlich neu entfacht? Ist es das Recht der jungen Generation Fehler zu machen? Ist es spießig, wenn wir uns mit Mitte zwanzig nach Familie und Ruhe sehnen? Hat Freiheit einen zu hohen Preis? Und schließlich….die Frage, ob wir unser Leben gerade wirklich leben oder es auf die Zukunft verschieben.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich es nicht weiß. Es gibt darauf wahrscheinlich nicht „die eine richtige“ Antwort. Wir sollten unseren Kopf allerdings dazu nutzen uns ein paar Gedanken zu machen.

Vielleicht sind gerade die Dinge, die uns wie das wahre Leben vorkommen, nur Ablenkungen, die uns durch ihre Vielzahl und enorme Allgegenwärtigkeit, wie ein Schleier die Sicht auf die wirklichen Ziele verdecken.

„Das Leben ist eine fortwährende Ablenkung, die nicht einmal zur Besinnung darüber kommen lässt, wovon sie ablenkt“ (Kafka)

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